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KI-Start-ups: Mittelstand statt Wagniskapital

Berlin, 3. Mai 2019 – Statt auf Wagniskapitalfinanzierung zu setzen, verbünden sich KI-Start-ups wie Parlamind mit mittelständischen Unternehmen. Die ungleiche Allianz bietet für beide Seiten ungewohnte Vorteile.

Über keine Technologie wird derzeit so viel gesprochen wie Künstliche Intelligenz(KI). Sie könnte ganze Industrien revolutionieren und zu einer neuen Schlüsseltechnologie werden, ohne die künftig kaum ein Unternehmen auskommt. Doch das bedeutet nicht, dass KI-Start-ups im Vorbeigehen Millionen Euro an Finanzierung einsammeln – gerade, wenn es sich um die Folgefinanzierung nach den Gründerjahren handelt. So ging es jedenfalls Tina Klüwer, die 2015 das KI-Start-up Parlamind mitgegründet hat. Als Sachverständige in der KI-Enquete der Bundesregierung und gefragte Sprecherin bei Veranstaltungen ist sie eine der bekannteren deutschen Unternehmerinnen in dem Bereich.

Parlamind entstand aus einem Exist-Projekt, einem Forschungstransfer-Programm des Bundeswirtschaftsministeriums. „Solche Förderprogramme sind sehr wichtig, um Forschungsergebnisse in die Wirtschaft zu bringen“, sagt Klüwer. Sie bemängelt aber, dass die Förderungsanträge schneller und einfacher abgewickelt werden sollten. Nach der Gründung finanzierte sich Parlamind über mehrere kleine Fonds und Business Angels. Doch nach den ersten Gründungsjahren werde es immer schwerer, Kapital zu finden, sagt Klüwer. „Über die Seed-Finanzierungsrunde hinaus gibt es deutlich weniger Optionen für ein Start-up.“ Parlamind könne zwar Wagniskapital einwerben, doch das sei extrem zeitraubend, erzählt Klüwer. „Das war eine Ablenkung, von dem was ich eigentlich machen wollte: Mit KI arbeiten und unser Produkt weiterentwickeln.“

Hannover statt Shenzhen

Auch deswegen hat Klüwer ihr Unternehmen jetzt verkauft – allerdings nicht an einen Tech-Giganten aus Palo Alto oder Shenzhen, sondern an Olav Strawe, einen mittelständischen Unternehmer aus Hannover. Sein Unternehmen 4Com entwickelt eine cloudbasierte Software, die Telefonate in Callcentern organisiert. Eingesetzt wird sie unter anderem bei Zalando, dem ADAC oder der GEZ. Auch die KI von Parlamind wird im Kundenservice verwendet: Der Algorithmus liest die E-Mail des Kunden, erschließt sich die Bedeutung und beantwortet die Anfrage dann entweder selbst oder leitet sie an einen Mitarbeiter weiter.

Nach dem Verkauf führt Klüwer Parlamind gemeinsam mit Mitgründer Tobias Lehmann als Teil der 4TechnologyGroup weiter, zu der auch Strawes Unternehmen Lindenbaum und 4Com gehören. Bei 4Technology sollen die Anwendungen zusammengeführt werden: Lindenbaum übernimmt die Verbindung zum Kunden, 4Com die Verteilung und die Parlamind-KI ermittelt den Inhalt des Anrufs, Chats oder der E-Mail. Als Start-up hätte Parlamind für eine solche Komplettlösung Jahre gebraucht, sagt Klüwer.

Auch der 4Com-Gründer verspricht sich von der Fusion einige Vorteile. „Es ist schwierig von Künstlicher Intelligenz zu profitieren, wenn man ein mittelständisches Unternehmen in einer ländlichen Region hat“, sagt Strawe. „Sich an einem Start-up in Berlin, Düsseldorf oder München zu beteiligen bringt diese Impulse.“ Daher ist der Sitz der neuen Gruppe nun auch in Berlin und nicht in Hannover. Vorerst hat sich 4Technology in den Büros von Parlamind einquartiert, doch auch das neue Büro soll in Berlin bleiben – mitten in der Start-up Szene.

Technologietransfer in den Mittelstand

In einer kürzlich erschienenen Studie der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (Acatech) werden Zusammenschlüsse von Start-ups und mittelständischen Unternehmen als „Win-Win“-Möglichkeit genannt. Das Unternehmen profitiert von neuen Technologien und das Start-up sichert seine Finanzierung langfristiger als mit Wagniskapital. Das sei besonders für Hightech-Unternehmen wichtig, deren Entwicklungszeiträume teilweise mehr als zehn Jahre umfassen können.

Auch für den Mittelstand sei das „amerikanische System“ des Wagniskapitals nicht unbedingt empfehlenswert, sagt Strawe. „Die Erwartung hoher Exitsummen bedeutet auch, dass Start-ups und deren Innovationen in der Regel an kapitalkräftige Großunternehmen verkauft werden, die meist aus dem Ausland kommen.“ Damit monopolisiere sich die Gründerszene.

Doch besonders um neue Technologien auch für den Mittelstand zugänglich zu machen, sei die Zusammenarbeit mit Start-ups wichtig. In der KI-Strategie hatte die Bundesregierung angekündigt, „die KI-spezifische Unterstützung von mittelständischen Unternehmen“ auszuweiten. „Die Einsicht ist die richtige“, sagt Klüwer. „Aber trotzdem muss mehr investiert werden.“  Ergänzend dazu sollten auch bessere Strukturen aufgebaut werden, die Verbindungen zwischen mittelständischen Unternehmen und Start-ups schafft. Klüwer und Strawe haben diese für ihre Unternehmen nun gefunden.

Quelle: Heeger, Viola, “KI-Start-ups: Mittelstand statt Wagniskapital”, in: https://background.tagesspiegel.de/digitalisierung [16. April 2019], zuletzt geprüft: 3. Mai 2019, 12:46.

parlamind ist ein Berliner Start-up für Künstliche Intelligenz im Kundenservice. Die KI von parlamind versteht eingehende Nachrichten von Kunden auf semantischer Ebene und ermittelt so das Anliegen, den konkreten Inhalt sowie die Stimmung des Kunden in der Nachricht. Mit diesen Fähigkeiten ausgestattet, geht die KI eigenständig in den Dialog mit dem Kunden und führt schnell dazugehörige Prozesse automatisiert aus. Aktuelle Forschungsergebnisse aus den Bereichen der Computerlinguistik und des maschinellen Lernens bilden dabei die Basis zur kontinuierlichen Weiterentwicklung der parlamind KI-Technologie. Seit Juli 2018 gehört parlamind zur 4TechnologyGroup. Die 4TechnologyGroup ist ein Zusammenschluss von Technologie-Unternehmen aus dem Kommunikations- und KI-Bereich. Weltweit nutzen Unternehmen in den Bereichen E-Commerce, Informations- und Kommunikationstechnik, Energiewirtschaft und Logistik die KI-Lösungen von parlamind. 24 Mitarbeiter arbeiten kontinuierlich an der Weiterentwicklung und Vermarktung dieser einzigartigen Technologie “Made in Germany”.

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